Lieferengpässe bei Arzneimitteln bleiben auch 2025 ein Dauerthema in deutschen Apotheken. Aktuell verzeichnet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) etwa 460 gemeldete Lieferengpässe – von lebensnotwendigen Antibiotika über Blutdruckmedikamente bis zu Schmerzmitteln und ADHS-Präparaten. Für Apothekenteams bedeutet dies einen enormen Mehraufwand: Durchschnittlich 20 bis 30 Stunden pro Woche werden für das Management der Engpässe aufgewendet. Wie entstehen diese Versorgungslücken und welche Lösungsansätze gibt es?
Aktuelle Situation: Welche Medikamente fehlen?
Die Lieferengpass-Datenbank des BfArM zeigt ein breites Spektrum betroffener Arzneimittelgruppen. Besonders kritisch ist die Situation bei Psychopharmaka und Antidepressiva: 90 Prozent der befragten Apotheken berichten von zahlreichen Lieferengpässen in diesem Bereich. Auch Antibiotika für Erwachsene und Diabetesmedikamente sind mit jeweils 89 Prozent stark betroffen, gefolgt von Cholesterinsenkern (85 Prozent), Antibiotika für Kinder (84 Prozent) und Blutdrucksenkern (80 Prozent).
Konkrete Beispiele zeigen die Bandbreite: Bei Schilddrüsenmedikamenten wie L-Thyroxin kommt es immer wieder zu Engpässen verschiedener Dosierungen. Schmerzpatienten sind von fehlenden Opioiden betroffen – aktuell sind 22 Lieferengpässe bei Hydromorphon-Präparaten gemeldet. Auch transdermale Buprenorphin-Pflaster sind schwer oder gar nicht lieferbar. ADHS-Patienten kämpfen mit Versorgungslücken bei atomoxetinhaltigen Arzneimitteln, die durch Qualitätsmängel bei einem Haupthersteller ausgelöst wurden, der rund 80 Prozent des deutschen Marktvolumens bedient.
Ursachen: Ein komplexes Geflecht
Die Gründe für Lieferengpässe sind vielschichtig. An erster Stelle stehen laut Europäischer Kommission Produktionsprobleme (34,6 Prozent), gefolgt von Qualitätsproblemen (16,7 Prozent) und wirtschaftlichen Gründen (11,2 Prozent). Die stark globalisierte und spezialisierte Arzneimittelherstellung spielt dabei eine zentrale Rolle.
Für viele Wirkstoffe gibt es weltweit nur noch wenige Hersteller, oft konzentriert in Fernost. China und Indien liefern bei Antibiotika einen Großteil der benötigten Wirk- und Fertigarzneimittelmengen. In Deutschland und Europa stehen nur noch vereinzelt Produktionsstätten zur Verfügung, deren Kapazitäten den europäischen Bedarf nicht decken können. Fällt eine Produktionsanlage aus, hat das unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgung in ganz Europa.
Auch Qualitätsprobleme in einer einzelnen Anlage oder Lieferprobleme bei scheinbar banalen Dingen wie Verpackungsmaterial können ausreichen, um die Arzneimittelversorgung zu gefährden. Hinzu kommen hierzulande gesetzlich zulässige Entwicklungen wie exklusive Rabattverträge oder Im- und Exportgeschäfte, die ebenfalls Ursache von Lieferengpässen sein können.
Massive Belastung für Apothekenteams
Die Auswirkungen auf den Apothekenalltag sind erheblich. Laut Apothekenklima-Index 2024 gehören Lieferengpässe für 82,8 Prozent der Apothekenteams zu den größten Ärgernissen im Berufsalltag – ein seit Jahren anhaltend hoher Wert. Der zeitliche Aufwand ist enorm: Mit durchschnittlich 23,7 Stunden pro Woche liegt Deutschland deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 10,6 Stunden.
Etwa 20 Millionen Nichtverfügbarkeiten dokumentieren Apotheken jährlich. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein aufwendiger Prozess: Apotheker müssen wirkstoffgleiche Medikamente beschaffen – womöglich in einer anderen Packungsgröße, Wirkstärke oder Darreichungsform. Dies erfordert Telefonate mit Herstellern, Anfragen bei mehreren Großhändlern oder sogar Rücksprache mit dem Arzt für ein neues Rezept mit einem alternativen Wirkstoff.
Gefährdung der Patientenversorgung
Die größten Gefahren für die Patientenversorgung sehen Apotheken bei Lieferengpässen von Antibiotika (84,0 Prozent der Befragten), Inhalativa (73,2 Prozent) und Antidiabetika (66,6 Prozent). Besonders kritisch wird es, wenn zwischen 36 und 57 Prozent der Apotheken in einem Bereich zahlreiche Lieferengpässe verzeichnen, die sich kaum oder gar nicht durch andere Medikamente ausgleichen lassen – wie aktuell bei Psychopharmaka, Diabetes-Medikamenten und Kinderantibiotika der Fall.
Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung ermittelte, dass monatlich rund drei Millionen gesetzlich Versicherte von Lieferengpässen betroffen sind. Für chronisch kranke Patienten, die auf bestimmte Präparate angewiesen sind, kann dies zu erheblichen Problemen führen – von Therapieverzögerungen bis zu gesundheitlichen Verschlechterungen.
Gesetzliche Maßnahmen und ihre Grenzen
Der Gesetzgeber hat bereits reagiert: Bei Versorgungsmangel können Landesbehörden Gestattungen für den Import ausländischer Arzneimittel erteilen, auch wenn diesen nicht die aktuelle deutsche Packungsbeilage beiliegt. Zudem dürfen Chargen freigegeben werden, die nicht der letztgenehmigten Packungsbeilage entsprechen.
Das Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) sollte Abhilfe schaffen, konnte die Situation jedoch nicht grundlegend verbessern. Die im Januar 2025 gemeldeten 460 Präparate zeigen, dass strukturelle Probleme weiter bestehen.
Forderungen der Apothekerschaft
Die ABDA fordert seit langem mehr Handlungsfreiheiten vom Gesetzgeber. Konkret geht es um den unbürokratischen Wechsel auf Präparate mit gleichem Wirkstoff (aut idem) oder auf therapeutisch vergleichbare Alternativen (aut simile). Auch die Möglichkeit, bei allen von Lieferengpässen betroffenen Arzneimitteln von der Darreichungsform abzuweichen – etwa zwischen Tablette, Saft und Zäpfchen – würde die Versorgung verbessern. Bisher ist dies nur bei gelisteten Kinderarzneimitteln möglich.
Wichtig ist zudem, dass Apotheken für das Management der Lieferengpässe nicht retaxiert werden und eine ausreichende Vergütung erhalten. Der enorme Mehraufwand muss angemessen honoriert werden, damit Apotheken diese wichtige Versorgungsleistung weiterhin erbringen können.
Europäische Initiativen
Auf EU-Ebene arbeitet die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) an Lösungen. Ein neu geschaffener Solidaritätsmechanismus der Medicines Shortages Steering Group (MSSG) soll es Mitgliedstaaten ermöglichen, sich bei kritischen Engpässen gegenseitig zu unterstützen. Bei einem Medikamentenengpass kann ein Land die MSSG kontaktieren, um andere Mitgliedstaaten um Hilfe bei der Beschaffung von Arzneimittelvorräten zu bitten.
Die EU-Kommission hat zudem innerhalb ihrer ersten 100 Amtstage ein Papier vorgelegt, das die europäische Produktion stärken und die Liefersicherheit von Generika erhöhen soll. Ziel ist es, die Abhängigkeit von China zu reduzieren und stabilere Lieferketten aufzubauen – angesichts geopolitischer Verschiebungen und beginnender Handelskriege ein überfälliger Schritt.
Ausblick: Prävention statt Reaktion
Langfristig braucht es eine Diversifizierung der Produktionsstandorte, verbesserte Transparenz in den Lieferketten, Anreize für die Produktion kritischer Arzneimittel in Europa sowie robuste Meldesysteme und europäische Kooperation. Das Projekt „Koordinierung der Produktion wichtiger Wirkstoffe" und die Joint Action CHESSMEN zur Harmonisierung der Engpass-Überwachungssysteme in der EU sind erste Schritte in die richtige Richtung.
Wichtig ist auch das Vertrauen in die Versorgungssicherheit. Unkontrollierte Bevorratung, wie sie beispielsweise im Winter 2022/2023 bei Kinderantibiotika zu beobachten war, verschärft Engpässe zusätzlich. Transparente Kommunikation und verlässliche Information können hier gegensteuern.
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